Intergeschlechtliche Menschen Landesverband Niedersachsen e.V.
Ich bin inter* – sieht man doch

Intergeschlechtliche Menschen möchten gesehen werden und selbstverständlich an dieser Gesellschaft teilnehmen! Sie möchten ihre Geschichten erzählen und ihre Forderungen stellen, damit es mehr Wissen und weniger Diskriminierung gibt! Der Plakat-Kampagne „Ich bin Inter* – sieht man doch“ von Intergeschlechtliche Menschen Landesverband Niedersachen e.V. setzt genau hier an. Mit ihr zeigen sich intergeschlechtliche Menschen im öffentlichen Raum und empowern weitere
Menschen, es ihnen gleich zu tun: Offen intergeschlechtlich leben, so wie sie sind. Die Kampagne ist bisher ein großer Erfolg, noch nie war Intergeschlechtlichkeit medial so präsent.

Im Jahre 2004 wurde der Verein Intergeschlechtliche Menschen e.V. (bis 2021 Intersexuelle Menschen e.V.) gegründet. Um die lokalen und die Landesstrukturen in Niedersachsen zu stärken, wurde 2015 der Landesverband Niedersachsen als gemeinnütziger Verein gegründet. Intergeschlechtliche Menschen Landesverband Niedersachsen e.V. (IMLVNDSeV) setzt sich für ein selbstbestimmtes, diskriminierungsfreies Leben aller Menschen ein. Der Verein steht für die Verwirklichung der Menschenrechte ein und wendet sich gegen jede Art der Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund des Geschlechtes. Er fördert die Entstehung landesweiter und lokaler Selbsthilfegruppen intergeschlechtlicher Menschen, veranstaltet Selbsthilfetreffen, berät intergeschlechtliche Menschen und deren Angehörige und ist ansprechbar für  Anfragen der Presse und/oder anderer Organisationen zum Thema Intergeschlechtlichkeit. Der Verein arbeitet rein ehrenamtlich.

In Kooperation mit dem Queeren Netzwerk Niedersachsen e.V. (QNN) gründete der Verein die Landeskoordination Inter*. Sie bietet Beratung für öffentliche Institutionen und Organisationen an und leistet Bildungsarbeit zum Thema Intergeschlechtlichkeit. Das QNN ist das Dach für die Vertretenden aller Gruppen, Vereine und Institutionen, die mit und für queere Menschen in Niedersachsen aktiv sind.

Diese Operationen waren medizinisch nicht notwendig. Sie wurden trotzdem durchgeführt, weil es in einer Gesellschaft, die nur zwei Geschlechter kannte und alles auf diese beiden Geschlechter ausgerichtet hat, Intergeschlechtlichkeit nicht geben durfte. Intergeschlechtlichkeit war hingegen aller biologischen Tatschen eine Unmöglichkeit und intergeschlechtliche Körper sollten „angepasst“ werden. Sie wurden zu Syndromen erklärt und durch medizinische Maßnahmen unsichtbar gemacht. In den letzten Jahren ist einiges passiert in Richtung Anerkennung intergeschlechtlichen Lebens. So gibt es neben dem männlichen und weiblichen, auch den Geschlechtseintrag „divers“ und der Eintrag
kann offen gelassen werden. Dank des langen Kampfes der intergeschlechtlichen Community gibt es seit Mai 2021 ein Gesetz, das Operationen verbietet, die nur der Angleichung an ein körperliches Normgeschlecht dienen.

Diese Gesetze sind der Beweis dafür, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt hat in Richtung Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt. Es wird nun also Zeit in die Offensive zu gehen. Intergeschlechtliche Menschen möchten endlich sichtbar werden und der Welt sagen „Es gibt uns“! Doch das soll kein reiner Selbstzweck sein, sondern sie möchten ihre Geschichten erzählen, Diskriminierungen aufzeigen und der Gesellschaft ihre Forderungen präsentieren. Denn es gibt noch einiges zu tun!

Sichtbarkeit zu schaffen für sich, für die eigenen Erfahrungen und Bedürfnisse ist nicht leicht für eine Community, die es gewöhnt war, sich zu verstecken! Und versteckt wurde sich aus guten Gründen: Verschiedene Studien zeigen, dass intergeschlechtliche Menschen von einer hohen Diskriminierungsrate betroffen sind. IMLVNDSeV möchte mit dieser Kampagne andere intergeschlechtliche Personen empowern, offen zu leben und offen über ihre Bedürfnisse und Erfahrungen als intergeschlechtliche Person zu sprechen. Denn von Empowerment kommt Mut, und den braucht es, um offen intergeschlechtlich leben zu können. Noch immer gibt es wenig Wissen über Intergeschlechtlichkeit. Die Plakate wecken Neugier und die Kampagnenwebsite bietet Informationen.

Der Zeitpunkt des Starts der Kampagne ist sehr bewusst gewählt: Das OP-Verbot wird dafür sorgen, dass weniger intergeschlechtliche Menschen operiert und damit unsichtbar gemacht werden. Es werden also in den nächsten Jahren mehr offen intergeschlechtliche lebende Menschen in verschiedenen Institutionen auftauchen (Kita, Schule).

Die Reichweite war enorm, wir erhielten bundesweite mediale Aufmerksamkeit. Das ist sicher auch der Unterstützung des Oberbürgermeisters von Hannover, Belit Onay, zu verdanken. Es erschienen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, Zeit Online, NDR.de, queer.de, ein Video-Bericht auf Sat.1. und ein Radio-Beitrag auf Radio Okerwelle. Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat die Aktion in ihrem Facebook-Account aufgenommen. Die Klicks auf die Kampagnen-Website erhöhten sich deutlich und nachhaltig. Niemals zuvor war das Thema Intergeschlechtlichkeit so präsent in den Medien und hatte so viel Aufmerksamkeit.

Und es geht weiter:
Wir hatten nach Hannover mehrere Anfragen von queeren Zentren und lokalen queeren Communities, die die Kampagne in die eigene Stadt holen wollten. Deshalb geht es im März in Gifhorn weiter und dann im Oktober 2022 in Oldenburg. Es gibt mehrere Anfragen für Interviews und größere Reportagen von verschiedenen Print-, Radio- und Fernseh-Formaten. Auch die Landeskoordination Inter* im Queeren Netzwerk NRW und die bundesweite Kontakt- und Beratungsstelle zum Thema Intergeschlechtlichkeit haben Interesse an der Kampagne angemeldet.

Die Kampagne wird hoffentlich demnächst bundesweit zu sehen sein. Endlich werden die Geschichten intergeschlechtlicher Menschen gehört.

Intergeschlechtliche Menschen sind Menschen deren Körper auf der Ebene der Chromosomen, Hormone und oder Genitalien nicht in die klassischen medizinischen Definitionen von männlichen oder weiblichen Körpern passen. So kann es ein XXY-Chromosom geben, der Körper kann gegen die eigenen Hormone resistent sein und/oder das Genital „uneindeutig“ sein. Es gibt so viele Varianten, dass die WHO davon ausgeht, dass 1,7 % aller Menschen ein intergeschlechtliches Potential haben. Intergeschlechtliche Menschen sind bis auf ein paar wenige Ausnahmen kerngesund. Doch in der Vergangenheit wurden Kinder oft in frühem Kindesalter Operationen und anderen medizinischen Maßnahmen unterzogenen die den Körper „angleichen“ sollten. Diese Maßnahmen sind medizinisch nicht notwendig, wurden ohne Einwilligung der Kinder durchgeführt und führten oft zu Komplikationen, die weitere Operationen nötig machten. Viele Menschen verloren ihre sexuelle Empfindsamkeit und hormonproduzierende Organe von denen nicht klar ist, ob sie später benötigt werden, denn die geschlechtliche Identität eines Menschen entwickelt sich im Laufe des Lebens und die Operationen schaffen unumkehrbare Tatsachen. Diese Operationen sind schwere Menschenrechtsverletzungen, denn sie verstoßen gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, sowie das Recht auf sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung.

Wir wollten die breite Öffentlichkeit, also möglichst viele Menschen erreichen und wählten deshalb das Mittel der Plakat-Kampagne. Die bis zu 9m² großen Plakate hingen im öffentlichen Raum: In der Innenstadt, am Bahnhof, an Bushaltestellen. In Oldenburg werden sie in öffentlichen Verkehrsmitteln zu sehen sein. Die auffälligen gelben Plakate wecken Neugier und laden zur weiteren Beschäftigung mit dem Thema ein.

Darüber hinaus wollen wir gezielt die Kommunen ansprechen und machen deshalb die Auftaktveranstaltungen und Pressetermine immer mit Vertreter*innen der jeweiligen Kommune. Denn die Umsetzung der Dritten Option ist auch eine kommunale Aufgabe: Die Standesämter ändern den Geschlechtseintrag, die Kommunikation nach innen und nach außen sollte sprachlich möglichst alle Bürger*innen ansprechen.

Auch die lokale queere Community wollten wir ansprechen, denn auch in der queeren Community sind die speziellen Bedarfe intergeschlechtlicher Menschen stark unterrepräsentiert, auch dort gibt es noch immer wenig Wissen über Intergeschlechtlichkeit und wenig Sichtbarkeit intergeschlechtlicher Menschen. Aus diesem Grunde haben wir stets eng mit der lokalen queeren Community und lokalen queeren Zentren zusammengearbeitet. Die Auftaktveranstaltungen waren
stets interessante Community-Events.

Wir erstellten ein Plakat, auf dem sich intergeschlechtliche Menschen offen zeigen. Auf der Kampagnen-Website stellen sich die Menschen vor und erzählen ihre Geschichte. Ein QR-Code führt direkt vom Plakat auf die Website. Die Plakate hingen an verschiedenen Orten im öffentlichen Raum in verschiedenen Städten Niedersachsens. Bisher in Hannover und Braunschweig, 2022 sind Gifhorn und Oldenburg geplant, und es soll weitergehen. Zum Start der Kampagne wurde eine öffentliche Aktion mit Vertreter*innen der Stadt, der lokalen Presse und der örtlichen queeren Community veranstaltet. Dabei hatten wir stets solidarische Unterstützung der lokalen queeren Zentren/Communities. Damit wollten wir ein möglichst hohes Level an Aufmerksamkeit und Presse-Wahrnehmung erzielen, um unsere Forderungen zu platzieren. Wir haben unterschiedliche aktuelle Schwerpunkte bei diesen Veranstaltungen gesetzt: In Hannover das neue gesetzliche OP-Verbot und in Braunschweig den Intersex Awareness Day.

Wir haben kaum finanzielle Mittel zur Verfügung, deshalb wäre die Kampagne fast an den Kosten gescheitert. Zum Glück ist uns die Firma Ströer als Vermieterin der Werbeflächen finanziell stark entgegengekommen und wir wurden gefördert, u.a. von den Beauftragten für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt der Landeshauptstadt Hannover und Amnesty International.

Unternehmen

Intergeschlechtliche Menschen Landesverband Niedersachsen e.V.
www.im-nds-ev.de

Gründungsjahr: 2015
Mitarbeiter:innen: 6 ehrenamtlich
Branchenumfeld: Non-Profit Organisation

Projektverantwortliche

Intergeschlechtliche Menschen Landesverband Niedersachsen e.V.
Vorstand: Julia Gerasch, Frauke Arndt-Kunimoto, Danis Döbbecke, Anjo Kumst
Landeskoordination: Michael Rogenz

 

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